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Abenteuer Kontaktanzeigen Debüt-Roman von Stefanie Schreiber
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Roman
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Leseprobe 1 (der Anfang...):
Das Leben eines Singles war einfach wundervoll. Die große Freiheit! Ich konnte tun und lassen, was ich wollte, ohne irgendwelche Kompromisse zu schließen, die – seien wir mal ehrlich – sowieso meist äußerst faul waren. Nein, danke! Da lobte ich mir mein Single-Leben, niemand nörgelte an mir herum und versuchte mich zu verbiegen, keiner versuchte mir seine abstrusen Vorstellungen überzustülpen. Kein Streit bei Ikea oder im Supermarkt, keine Pflichtbesuche bei seinen Verwandten – die eigene Sippschaft war ja schon umfangreicher als notwendig. Es war einfach toll, Samstagnachmittag ohne Sportschau, keine muffeligen, vergessenen Socken im Bad ... die Liste ließe sich endlos fortsetzen. Außerdem brauchte ich einfach Zeit für mich. Ich wollte mich beruflich umorientieren, wollte nach dem unerfreulichen Endstadium der letzten Beziehung erst einmal wieder zu mir finden. Ich unternahm allein Reisen, stromerte durch fremde Städte und Welten und konnte meinen Rhythmus leben, mir genau das anschauen, was ich interessant fand. Ich kaufte mir ein Haus, richtete es ein und genoss es, dass mir niemand dabei reinquatschte – schon gar kein Mann. Ich genoss es. Monatelang. Neun Monate, um genau zu sein.
Dann neigte sich das Jahr dem Ende zu und damit auch meine Freude am Single-Dasein. Nun rückten die Nachteile massiv in den Vordergrund. Ich wünschte mir wieder jemanden, mit dem ich teilen konnte, meine Gedanken, meine Ideen, meine Eindrücke und nicht zuletzt meine Träume. Ich wollte wieder einen Mann an meiner Seite. Zum Reden. Zum Lieben, Lachen, Weinen. Zum Kuscheln und zum Tuscheln. So sehr ich diese Reise genossen hatte, die ich allein unternahm, ich sah auch zu der Zeit schon die Nachteile. Ich wollte auch all die Eindrücke eines Urlaubs teilen können. Und – ein entscheidender Nachteil des Single-Lebens war das leere Bett. Es war schon eine Zumutung, sich ständig und überall knutschende Paare anschauen zu müssen – konnten die das nicht zu Hause tun? – aber dauerhaft auf Sex zu verzichten war noch schlimmer. Es war an der Zeit, das Single-Dasein zu beenden.
Doch woher nehmen, wenn nicht stehlen? Denn auch wenn die Weather Girls anderer Meinung waren, so ein Mann fiel ja nicht plötzlich vom Himmel, nur weil frau beschloss, dass das eigentlich eine gute Aktion wäre. Also, was tun? Im Job hatte ich die letzten Monate nichts Brauchbares kennen gelernt und das würde sich wohl auch nicht ändern, nur weil ich nun meine Antennen ausfuhr. Kneipen waren nicht so mein Fall. Diskotheken noch weniger. Somit die Männer, die ich dort treffen konnte, am allerwenigsten. Die Männer, die ich beim Stepptanzen traf, waren – Vorurteil hin oder her – in der Regel schwul, und im Supermarkt hatte ich auch noch niemanden getroffen. Außerdem war ja nicht jeder Mann, der keine Rama kaufte, automatisch noch zu haben. Schwierig. Es wäre wesentlich einfacher, wenn Single-Männer irgendein Erkennungszeichen trügen. Einen blauen Punkt auf der Stirn zum Beispiel oder meinetwegen auch etwas Unauffälligeres. Tun sie aber nicht. Das brachte mich also nicht weiter. Irgendeine Single-Show im Fernsehen? So à la Herzblatt? Nein, wirklich nicht. Das war nun doch zu peinlich. Ich war ja nicht gerade zimperlich, aber ich wollte mich auch nicht zum Affen machen. Und wer wusste schon, wer das dann alles sah. Womöglich meine Kunden. Nein, etwas anonymer sollte es schon sein. Ein Chatroom vielleicht? Doch das erschien mir wiederum zu anonym und unverbindlich. Ich wollte schon gern eine feste Beziehung und nicht bloß ein virtuelles Techtelmechtel. Ich war eine moderne Frau, aber man konnte auch alles übertreiben. Oder? In manchen Bereichen war ich eben furchtbar altmodisch. Eine meiner Freundinnen hatte gute Erfahrungen mit Kontaktanzeigen gemacht, sie hatte eine Anzeige aufgegeben und ihren Traumprinzen gefunden. Ich entschloss mich, den umgekehrten Weg zu gehen. Ich würde auf Anzeigen von Männern antworten. War dann besser zu dosieren. Ich nahm mir also am folgenden Wochenende das Hamburger Abendblatt vor und begann zu lesen. Die Anzeigen, die von Agenturen aufgesetzt wurden, übersprang ich gleich. Wenn die Männer nicht einmal selbst eine Anzeige aufsetzten konnten ... Nein, danke. Ich kämpfte mich also durch den Dschungel der kleinen Anzeigen. Kaum ein Mann unter siebzig. Na toll. Tapfer las ich weiter. War ich die Einzige Anfang dreißig, die keinen abbekommen hatte? Ah, da einer Ende dreißig ... was wollte der? Sofort heiraten und Kinder ... Oh nein, bitte nicht. Erst wollte ich auf jeden Fall Zweisamkeit. Es war ein Trauerspiel. Sie waren in der Mehrzahl viel zu alt, zu geizig (alles abgekürzt), zu langweilig, zu anspruchslos oder die verdammten Anzeigen sagten einfach nichts aus! Manche schrieben nur, was sie wollten, also wie die Frau sein sollte, aber rein gar nichts über sich selbst. Und hier sollte ich den Mann meiner Träume finden? Au weia. Hoffentlich gab es noch andere Möglichkeiten, sonst ... Bereits etwas niedergeschlagen und desillusioniert nahm ich nochmals die Zeitung zur Hand und wendete mich der letzten Spalte zu. Und es gab doch noch eine Anzeige, die mich ansprach.
Ganz normaler Mann (47/1,80) mit Wünschen und Träumen, Stärken und Schwächen, Ecken und Kanten, romantisch und mit beiden Beinen auf dem Boden, beziehungserfahren, aber ohne Schäden, mit hellem Kopf, allerdings nicht gerade durchtrainiert, diskutierfreudig wie aufmerksamer Zu- hörer, vielseitig interessiert, neugierig und richtig kuschelig möchte un- ternehmungs- und reiselustige Frau ohne Kinder einladen, mich kennen zu lernen, bitte mit Bild. S81150HA
Na bitte. Das hörte sich ja schon besser an als alles andere, was ich bisher gelesen hatte. 47 war vielleicht etwas älter als notwendig, auf der anderen Seite wollte ich gern einen selbstbewussten Mann, der mit beiden Beinen im Leben stand und mit meinem Erfolg und meinem Selbstbewusstsein umgehen konnte. Die Erfahrung zeigte leider, dass die meisten Männer sich über kurz oder lang durch intelligente Frauen, die ihren Mann standen, bedroht fühlten. Vielleicht war ein Mann, der etwas älter war, bereits besser gefestigt. Vielleicht. Der Rest klang jedenfalls sehr verheißungsvoll, so dass ich beschloss, eine Antwort zu wagen. Gesagt, getan. Schon am Sonntag steckte ich meinen Brief in den Kasten und dann hieß es warten. Da ich noch Neuling auf diesem Gebiet war, hatte ich keine Ahnung, wie lange es nun dauern könnte und würde, bis er diesen Brief erhielt und somit die Gelegenheit, mit mir Kontakt aufzunehmen. Frühestens wohl am Mittwoch, der Brief nahm ja den Umweg über das Abendblatt. Vielleicht schickten sie die Briefe nur an bestimmten Tagen weiter. Oder er sammelte erst einmal ein paar Tage, um zu sehen, was da sonst noch so kam, wer da sonst noch so antwortete.
Die Woche zog sich hin. Kein Anruf. Toll. Super Idee, auf eine Kontaktanzeige zu antworten. Ganz empfehlenswerte Art und Weise, einen Mann zu finden. Das ganze Wochenende nichts. Gar nichts. Mist. Nur ein paar Aufleger auf meinem Anrufbeantworter. Sollte er das gewesen sein? Aber warum sollte er nichts auf meinen AB sprechen? Das gab keinen Sinn. Und trotzdem ... ich hatte noch nie so viele Aufleger gehabt, wie in dieser Woche ... Hhm. Versuchte ich mir etwas schön zu reden? Wahrscheinlich war ich ihm einfach zu jung. Oder zu blond und kurzhaarig. Wahrscheinlich suchte er eine langhaarige Brünette nicht unter vierzig und da hatte so ein Küken wie ich einfach keine Chance.
Ich überlegte bis Mittwoch, ob ich auf weitere Anzeigen des vergangenen Samstags antworten sollte. Von S81150HA hatte ich immer noch nichts gehört und ich gab es auf. ...
Leseprobe 2: (... mittendrin ...)
Dienstag Der Tag war etwas müde, aber es ging. Abends ging ich zum Stepptanz. Nach dem Unterricht war mein Auto eingeparkt. Dies war bei dieser Tanzschule an der Tagesordnung und anfangs vermutete ich dahinter kein Problem. Dinge, die ständig passierten, wurden ja in der Regel mit einer gewissen Routine abgearbeitet, nicht so in diesem Fall ... Es dauerte. Niemandem gehörte der entsprechende Wagen. So ein chicer Rover. 19.40 Uhr. Prima. Die freundliche Dame an der Rezeption schaute mich ebenso an. Und zuckte die Schultern, es täte ihr Leid, doch was sollte sie machen. 'Ich habe um acht ein Blind Date.' Sie war erschüttert und mobilisierte nun doch noch einmal alle Kräfte, um den verschollenen Rover-Fahrer aufzutreiben. 19.41 Uhr. Es machte bestimmt einen ungemein guten Eindruck, wenn frau zu einem Blind Date zu spät kam. Ich dachte an den Berg von Nummern und Adressen, die Martin mir zu Diktat gegeben hatte. Warum hatte der Typ keine Handy-Nummer? Heutzutage hatte doch jeder ein Handy! Nicht Martin Wellenreiter. Pech. Für wen? 19.42 Uhr. Meine Nervosität und langsam auch mein Ärger stiegen ins Unermessliche. Warum hatte ich nicht woanders geparkt? Warum nur? 19.45 Uhr. Es gab ihn. Nein nicht Gott. Na ja, den vielleicht auch. Aber auch den Rover-Fahrer. Natürlich ein Mann. War von Anfang an klar. 19.47 Uhr saß ich in meinem Wagen, startete den Motor und wollte losfahren, da hatte es jemand anders noch etwas eiliger und drängelte sich galant vor. Natürlich auch ein Mann. Klar. Was sonst?! 19.48 Uhr. Ich setzte zurück, wendete und war auf meinem Weg. Im Geiste ließ ich den Weg zum Andalusia Revue passieren. Könnte klappen. Um wenn ich ein paar Minuten zu spät käme? Machte immer einen guten Eindruck, wenn eine von nächtlichen Telefonaten übermüdete, vom Tanzen abgekämpfte Frau dann auch noch zu spät kam. Da kam die Wertschätzung richtig massiv und geballt ´rüber. Super. Einfach perfekt. 19.50 Uhr. Ich kam ganz gut voran. Fuhr etwas schneller als erlaubt. Nicht schon wieder ein Ticket! Ich bremste sanft auf die erlaubte Geschwindigkeit herunter. Musste er halt warten. Konnte ich jetzt auch nicht mehr ändern. 19.55 Uhr. Es war noch zu schaffen. 19.58 Uhr. Yeah. In der Ruhe lag die Kraft. Der Parkplatz war auch eher ticketverdächtig, aber was sollte es. Mut zur Lücke. 19.59 Uhr. Es nieselte (also doch Regen), während ich zum Restaurant ging, überlegte ich, ob ich hineingehen sollte, oder aber lieber draußen warten. Das Andalusia war sehr lang gestreckt und in gemütliche Nischen unterteilt. Leider dadurch sehr unübersichtlich. Ich war fast dort und hatte immer noch keine Entscheidung getroffen - was eigentlich gar nicht typisch war - Frieren oder drinnen dumm herum stehen? - da kam ein Mann zielstrebig auf mich und den Eingang zu, auf den die Beschreibung passte. Na bitte. Er war es. Pünktlich auf die Minute. Martin der Macher. Wir gingen hinein und bis nach hinten durch, weil uns keiner der Tische so richtig zusagte. Keiner der noch freien Tische war perfekt. Wir entschieden uns für einen ganz hinten, neben zwei Frauen und einem ziemlich großen Hund. Fataler Fehler. Auf der anderen Seite hatten wir durch den Hund erst einmal ein Thema, doch auf Dauer wurden die Annäherungsversuche des Tieres, die die Besitzerin zu unterbinden nicht in der Lage war, doch lästig. Martin traf eine Entscheidung, doch lieber der Tisch weiter vorne. Er war schon fast dort, als ich noch meinen Mantel, meine Tasche und meinen Schirm zusammenraffte. Echt dynamisch der Mann. Die Speisekarten hatte er achtlos liegengelassen. Ich nahm auch diese an mich und folgte ihm - unauffällig sozusagen. Wir saßen einander gegenüber. Und schauten uns an. 'Und du kommst jetzt direkt aus dem Büro?' Hatte ich ihn so mit Informationen überschüttet, dass er nicht in der Lage war, sich zu merken, dass ich vom Tanzen kam? Nein. Nicht wirklich. 'Nein, ich komme jetzt vom Tanzunterricht.' 'Ach ja, das hast du mir erzählt.' Ob das Gespräch sich in der Qualität noch verbessern ließ? Er lächelte nicht. 'Ich bin nach der Arbeit noch zu Hause gewesen.' Ich hatte nicht den Hauch einer Ahnung, ob das wichtig war, aber scheinbar war es ihm wichtig, denn die Ankündigung aus der Mail wurde damit nun bestätigt. Hhm. Ich nickte. Nicken war immer gut. Wenn einem die Worte fehlten. Aber Martin fehlten nicht die Worte. Nach dem etwas lahmen Einstieg, kam er dann schnell und richtig in Fahrt. Erst einmal erzählte er von seinem Job. Nein, nicht über den Job selbst, sondern über seinen Stellenwert innerhalb von Hauni. Er war wirklich wichtig. Er trug wirklich Verantwortung. Er war für die Sicherheit verantwortlich. Echt wichtig dieser Mann. Endlich traf ich auch einmal einen wichtigen Mann. Leider lächelte er nicht. Aber das passte natürlich auch nicht zusammen. Das war schließlich ein ernstes Thema. Wenn die Frau erst mal begriffen hatte, wie wichtig er war, würde der Rest schon laufen. Den Eindruck vermittelte er zumindest. Ich nickte. Was sollte ich sagen? Mein Job war nicht so wichtig. Ich war nicht für irgendeine Sicherheit verantwortlich. Schade eigentlich. Aber vielleicht verging mir dann auch das Lachen. Und das Lächeln. Vielleicht doch nicht so schade. Über seine Bemerkung, dass er kürzlich Urlaub hatte, kamen wir auf dieses Thema. Urlaub im Februar, das konnte nur Snowboard fahren bedeuten. Bingo. Er erzählte von seinem Snowboard-Urlaub. Ich nickte. Was sollte ich dazu sagen? Auch da konnte ich einfach nicht mitreden. Aber es machte ihm sowieso nichts aus, dass ich nicht von meinen Erlebnissen im Schnee berichten konnte. Es konnte ja doch nur einer reden. Nachdem er seine Geschichte erschöpfend erzählt hatte und ich meine Halsmuskulatur durch das ständige Nicken perfekt aufgelockert hatte, lenkte ich das Thema auf Sommerurlaub. Erwähnte ich, dass er bisher noch nicht gelächelt hatte? Nun, er tat es jetzt auch nicht. Ich dachte, jetzt würde eine nette und überaus interessante Wandergeschichte um die Ecke luschern, aber dafür war die Zeit noch nicht reif. Erst mal Kanarische Inseln. Drei Wochen. (Ich weiß nicht mehr welche Insel, aber das ist für die Geschichte auch nicht wichtig.) Am Strand. Ja, Sie haben richtig gelesen. Drei Wochen am Strand. Das mag für viele Menschen das höchste Glück und die perfekte Entspannung sein. Für mich wäre es die Höchststrafe. Ich wagte es einzuwerfen, dass mir das zu langweilig wäre. Er war natürlich viel geschwommen. Natürlich. Echt sportlich der Mann. Sport war wichtig. Klar. Er trieb viel Sport. Hatte ich erwähnt, dass er mir schon am Telefon sagte, dass er jeden Tag 20 Kilometer lief? Hatte ich wohl sofort verdrängt. Ich wiederholte, dass mir diese Art des Urlaubs zu langweilig wäre. Er zeigte wieder keine Reflexe. Jeder normale Mensch hätte - insbesondere in der Situation eines Blind Dates - nachgefragt, auf welche Art und Weise und wo ich denn gern meinen Urlaub verbrachte. Nicht so Martin Wellenreiter. Er redete weiter. Spätestens an diesem Punkt fiel bei mir die Klappe. Er interessierte sich nicht die Bohne für irgendetwas, was ich machte, dachte, fühlte oder wollte. Was für ein himmelweiter Unterschied zu Thomas! Wir hatten zwar noch kein Essen bestellt, aber ich beschloss trotzdem noch zu bleiben. Der Drops war gelutscht, aber ich entschied mich in Erfahrung zu bringen, ob er an irgendeinem Punkt des Gesprächs einmal etwas über meine Sicht der Dinge wissen wollte. Wir vertieften uns in die Speisekarte. Er erzählte mir von einer Vorspeise, die er hier einmal gegessen hatte und die ganz klasse wäre, mit ganz vielen Kleinigkeiten in kleinen Schalen. Alles ganz toll. So toll, dass er mir das gleich zweimal erzählte. Vielleicht glaubte er doch an die sich hartnäckig haltenden Gerüchte über den Zusammenhang von Geisteszustand und Haarfarbe. Und diese Vorspeise wäre für zwei Personen. Was an und für sich nichts Schlechtes war, doch in diesem Fall hörte sich das wie eine Drohung an. Ich aß nun einmal nicht so gerne Vorspeisen. Danach war ich immer schon halb satt. Ich kam noch drum herum. Er fragte mich, was ich essen und trinken wollte. Wenigstens das durfte ich selbst entscheiden. Nur mit Mühe konnte ich ihn davon abhalten, gleich einen ganzen Liter Wein zu bestellen. Dafür bestellte er das Essen für mich. Martin der Macher. Nur den Namen des Weines hatte er dann doch wieder vergessen. Halbe Sachen. Mich konnte das alles nur noch amüsieren. Über die Bestellung des Essens kamen wir zum Thema Vegetarische Küche. Auch sehr wichtig! Für ihn. Klar. Ist ja auch schön und gut und für sich genommen klasse, wenn jemand seine Vorstellungen für das eigene Leben entwickelte. Bei ihm wirkte es nur unheimlich festgefahren und - extrem. Er wirkte kompromisslos und als könnte er nicht verstehen, wenn jemand anders leben wollte, auch wenn er natürlich von sich aus betonte, dass er ja nicht erwarte, dass andere Menschen auch so leben wie er. Natürlich nicht. Zurück zu dem extrem: Er aß kein Fleisch, weil er der Meinung war, das wir nichts essen sollten, was wir vorher töten müssten. Käse aß er schon, (den musste er ja auch nicht töten), aber nur von der Frischtheke, von diesem Käse war die Rinde nicht so mit Antibiotika behandelt oder gar genmanipuliert. Lieber noch aus dem Reformhaus. Klar. Echt gesund. Das war wichtig. Und sicher. Man sollte auch keine Bäume fällen und nur reifes Obst ernten und essen, am besten Fallobst. Gemüse kann man ernten, das stirbt ja sonst. Leichte Inkonsequenzen wurden sichtbar. Ich überging das Fallobst, obwohl mir eine Spitze dazu auf der Zunge lag, und schlug bei den Bäumen zu. Wie er denn zu Möbeln aus Holz stünde, zum Beispiel zu diesem Tisch hier. Ich klatschte die flache Hand auf den Tisch, um der Frage Nachdruck zu verleihen. Zum ersten Mal sah ich ein dünnes Lächeln auf seinen Lippen. Interessant. Er eierte herum, ganz offensichtlich gab es auch in seiner Wohnung Holzmöbel, vermutlich nicht nur aus Bäumen, die zuvor von alleine umgefallen waren. Auch sein Haus, das nächstes Jahr am Rande der Stadt entstehen sollte, wollte er offensichtlich möblieren und nicht nur mit Kunststoff und Metall. Das hatte ich ja auch ganz vergessen, diese Story hatte er mir auch bereits in unserem kurzen Telefonat erzählt. Er würde sich nächstes Jahr ein Grundstück am Rande der Stadt kaufen und dort ein Haus bauen, das er bereits fix und fertig geplant hatte. Klar. Martin der Macher. Ich fand, das war ein wirkliches gutes Thema für ein Telefonat mit einer Unbekannten, die auf eine Kontaktanzeige geantwortet hatte. Mir schwirrten auch gleich tausend und eine Frage durch den Kopf: Musste ich dann auch genau dorthin ziehen? (Er war ja ein echter Familienmensch, das kam daher, dass es in den Weiten seiner Großfamilie noch nie eine Scheidung gegeben hatte.) Musste es genau dieser Vorort sein, nur weil das für ihn verkehrsgünstig war? (Er wollte sich ja eigentlich in der Nähe von Norderstedt niederlassen, weil seine Familie dort wohnte, aber der Weg zu Hauni ist ja dann so weit.) Hätte ich ein Mitspracherecht? Würde ich überhaupt in diese Entscheidung einbezogen? Sollte das überhaupt ein gemeinsames Projekt werden? Wäre es nicht sinnvoll gewesen, erst die Partnerin zu suchen und dann gemeinsam Pläne zu machen? Auf diese Frage hatte ich ihn beim Essen dann angesprochen, als wir unweigerlich noch mal auf dieses Thema kamen. (Wir oder er? Egal.) Ja, nein, so wäre das ja alles gar nicht, klar sollte man gemeinsam Pläne machen und alles teilen und gemeinsam entscheiden ... und überhaupt. Na klar. Blöd nur, dass man sich dafür auch einmal anhören müsste, was das Gegenüber überhaupt so dachte und wollte. Aber er war jetzt ja in dem Alter, in dem man ein Haus bauen müsste und wenn er allein war, machte er eben allein seine Pläne. Da hatte ja auch keine etwas gegen.
Was ich mir im Zusammenhang mit der Baum-, Obst- und Gemüsetötung nicht verkneifen konnte, war ihn vor diesem Hintergrund zu seiner Einstellung zum Autofahren zu befragen. Das dünne Lächeln wurde noch dünner und verschwand dann ganz. Das war nun wirklich nicht witzig. Ohne Auto ging es ja nun wirklich nicht. Allein schon wegen der Gäste, die Hauni ständig hatte und die er ja dann auch betreute und die er über das Gelände fuhr. Und es ist ja wirklich sehr groß dort bei Hauni. Ich schlug vor, man könnte ja Fahrräder (er fuhr ja gerne Fahrrad) und Fahrradklammern verteilen. Wenn er das gut verkaufen würde, würde das sicherlich als sportliche Einlage akzeptiert, denn: Sport ist wichtig. Und Martin ist der Macher. Hatte ich bereits erwähnt, dass ich humorlose Menschen ganz schwierig finde? Martin verzog keine Miene. Er glaubte nicht, dass die Gäste das akzeptieren und für gut heißen würden, es handelte sich immerhin um internationale Geschäftsleute. Auch internationale Geschäftsleute waren nur Menschen. Was um Himmels Willen wollte der staubtrockene Martin mit einer sinnlichen Partnerin mit Unsinn im Kopf? Ich brachte es nicht in Erfahrung! Das Thema Auto war also sein wunder Punkt in seinem ach so durchorganisierten Leben, in dem nur noch eine Frau fehlte. Irgendwann zwischendurch hatte er mir dann alles Mögliche über seine Ex erzählt, (mir blieb wirklich nichts erspart), aber sei´s drum, ich werde die Details auslassen und auf den interessanten Aspekt eingehen, der unter der Überschrift 'Martin und die Liebe' stehen könnte. Also, es begann mit der unvermeidlichen Wandergeschichte, die natürlich mittlerweile überfällig war. Wandern auf Gomera. Ich stellte meine kleinen Fragen, um ihn am Reden zu halten, denn Schweigen machte mit ihm keinen Spaß und er kam offensichtlich nicht auf den Gedanken, mich zu fragen, aber das wissen Sie bereits. Hatte er diesen Wanderurlaub auch alleine gemacht? Nein, auch mit seiner Freundin. Sie wollte das so gerne machen. Aha. Ja, es war eine Wandergruppe mit Single und Paaren. Aha. Ja und das war alles ganz seltsam gewesen, da es eine organisierte Reise gewesen ist, war es mit Halbpension, und man konnte bei der Kost wirklich nicht abnehmen ... ?? 'Was konnte man nicht? Abnehmen?' Ich war plötzlich wieder hellwach, der Typ war wirklich besser als Fernsehen, wenn Sie verstehen was ich meine ... 'Ja, das war so Hausmannskost, kalorienreich, die dachten wohl, man braucht etwas Herzhaftes, damit man Kraft zum Wandern hat.' Klang logisch. 'Und du wolltest abnehmen?' 'Ja klar, wieder in Form kommen, dafür machten wir das ja mit dem Wandern.' Ach so, und ich hatte gedacht vielleicht einfach aus Spaß an der Freud. Wandern um abzunehmen. Auch nicht schlecht. Und sich damit den Urlaub versauen. War ja ganz hart. Martin war eben der Macher. Sportlich. Wichtig. Humorlos. Ich war wieder da, kurz war ich mit meinen Gedanken abgeschweift, aber wer wusste was noch so kam, und es kam noch ein Knaller. Singles und Paare. Und er konnte ja nun den lieben langen Tag nicht verstehen, warum manche Singles sich immer bei den Paaren eingeklinkt hatten. Es waren nun wirklich einige Singles dabei und das wäre doch wirklich ein gute Gelegenheit gewesen einander näher zu kommen. Klar. Einige hatten sich aber überhaupt nicht miteinander beschäftigt, nein, immer wären sie mit den Paaren gegangen. Okay, ich hatte es begriffen. Meinen schüchternen Einwand, dass sie sich vielleicht nicht sympathisch waren, wischte der zielstrebige, dynamische Martin vom Tisch. So könnte ich das nicht sehen, wenn man sich ein bisschen Mühe gäbe, dann klappte es auch mit dem Nachbarn. Man musste sich halt miteinander beschäftigen. ?? 'Aber es muss doch wenigstens Sympathie vorhanden sein, damit sich etwas entwickeln kann?' Ich war so erschüttert über diese Ansicht, wie Liebe entstand, dass ich anfing, mich zu wiederholen. Ich konkretisierte 'Wie war das denn mit Deiner Freundin und dir?' Ich wusste schon genug über sie, dass ich mir erlauben konnte, solche Fragen zu stellen. 'Das war auch so.' ?? 'Wie?' 'Am Anfang mochte ich sie nicht so, aber wir haben uns kennen gelernt und mit der Zeit mochte ich sie lieber.' Versteckte Kamera? Menschen in Extremsituationen und ihre Reaktionen? Was lief hier eigentlich? Ich schaute ihn forschend an. Verarschte er mich? Nein. Er meinte es genauso, wie er es sagte. Ich schaute verstohlen zur Uhr. Erst halb zehn. Wann konnte ich gehen, ohne dass es zu auffällig und peinlich war? Halb elf? Viertel nach zehn? Er redete weiter, ich nickte - das passte eigentlich immer. Ich vertiefte dieses Thema nicht. Es war zwecklos. Und plötzlich und unerwartet stellte er mir eine Frage. Entweder hatte er sein Pulver verschossen oder alle anderen waren an diesem Punkt der Show schon schreiend davon gelaufen. Aber ich war immer noch da und damit wert, wenigstens eine Frage gestellt zu bekommen. 'Was macht du noch mal beruflich?' Unverfänglich. Ich fasste mich kurz, hatte die Lust, ihm etwas von mir zu erzählen, schon vor über einer Stunde verloren. 'Ich mache Trainings und Coaching.' So leicht ließ er dann doch nicht locker, das wollte er nun etwas genauer wissen. 'Schulungen und den Berufsalltag begleitende Maßnahmen in den Bereichen Kommunikation - also Rhetorik - und Software.' Er nickte ausgiebig, wissend und eben wichtig - vielleicht auch etwas sportlich, und damit war meine Redezeit um. Er hätte auch eine Workstation mit Unix. Er hat sie selbst gekauft und dann abgeschrieben, über vier Jahre. Klasse der Mann. Ich war echt begeistert. Dann erzählte er mir, was er darauf konstruierte, aber daran könnte ich mich nun beim besten Willen nicht mehr erinnern. War ja auch egal. Irgendwer wollte es kaufen, und tat es dann doch nicht ... 21.46 Uhr. Jetzt kam er leider nicht mehr dazu, sein Job ... War eben zu wichtig! Schon klar. ... aber irgendwann würde er damit weitermachen und sicherlich viel Erfolg haben ... Auf jeden Fall. ... und der Geschäftsführer von der Firma war einfach zu unsicher ... 21.52 Uhr. .... sonst hätten sie diese Idee bestimmt gekauft, denn sie war einfach klasse und sie hätte ihnen viel Geld gespart und wahnsinnig viel Prestige gebracht ... Unbedingt. ... das war das gleiche wie letzte Woche, als er in Dresden war, die Leute hatten einfach keine Ahnung dort, sie könnten noch nicht einmal einen Salat machen, bestellt man vegetarisch, hat man trotzdem Fleischstückchen auf dem Teller ... Er ließ nichts aus. ... sie waren einfach zu weit zurück dort, sie hätten einfach keine Kultur ... 21.59 Uhr. Es reichte! Wo war der Kellner??? .... so was wie dort hätte er noch nie erlebt. War plötzlich in einer Kneipe dumm angequatscht worden, sie hatten sicher gesehen, dass er aus dem Westen käme, er sehe den Unterschied nicht, aber er dachte, sie würden ihn sehen ... Gott gib mir Geduld und erbarme dich!
Der Kellner tauchte am Nebentisch auf, ich schenkte Martin so ein Lächeln, zu dem ich gerade noch in der Lage war, und fragte ihn ob wir zahlen wollten. Er schien kurzfristig irritiert, fing sich aber schnell wieder, denn er war der Martin, der alles unter Kontrolle hatte. 'Du musst sicher früh ´raus morgen?!' Ich nickte (Gott vergib mir) und heischte Verständnis. Hier war ein Konflikt nun wirklich fehl am Platz. 22.07 Uhr. Der Kellner erschien mit unserer Rechnung. Ich griff zu meinem Portemonnaie, doch Martin hatte einen guten Tag, er grinste mich an: 'Ich bezahle.' Auch gut. Er zahlte, gab ein sehr kleines Trinkgeld und redete weiter. Wollte mir noch eine Diskussion aufzwängen, ob Physiker oder Kaufleute die besseren Geschäftsführer seien. Jetzt wurde es wirklich albern. Ich wollte nach Hause. Jetzt. Sofort. Ich erhob mich langsam von der Bank und begann meinen Mantel anzuziehen und das verstand sogar Martin. Vor dem Restaurant blieben wir gezwungenermaßen noch einmal stehen. Es hätte mir nichts ausgemacht, einfach so weiter zu gehen. Er bot noch mal all seine Kräfte auf und lächelte mich an. Es wirkte ein bisschen geknödelt, aber der gute Wille war da. 'Was machen wir denn nun, Gabriele?' 'Nun, wir telefonieren. Lass es sacken, denk über mich nach ...' Wir verabschiedeten uns - und hörten nie wieder etwas von einander.
Außer Sicht- und Hörweite bekam ich erst mal wieder einen mittelschweren Lachkrampf. Das konnte ja wohl alles nicht so ganz wahr sein! Frohgelaunt fuhr ich nach Hause. Vergiss den Akademikerstatus, der alleine brachte es auch nicht.
Thomas hatte nicht angerufen. Ich ging ins Bett. Es reichte für heute. ...
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